Trends & Gesellschaft

„Es soll ein Ruck durch unser Land gehen.“

Er immigrierte als Kind aus Pakistan nach Deutschland und fing als Flohmarkt-Händler an: der Unternehmensberater Jamal Qaiser. Heute berät er Firmen und die deutsche und internationale Politik. Unter dem Eindruck der Flüchtlingswelle 2015 schrieb er seine Gedanken zu den Chancen der Immigration nieder und gewann den getAbstract International Book Award 2016.

Herr Qaiser, „Wir schaffen das.“ Mit diesem Satz beschwört die Politik den Zusammenhalt der Gesellschaft bei der Integration von Immigranten. Aber wie schaffen wir „das“ tatsächlich?

Jamal Qaiser: Wir schaffen es, wenn wir das Schulsystem gründlich reformieren, unser Steuersystem vereinheitlichen und ausländischen Zuwanderern schneller ermöglichen, einer Arbeit nachzugehen und die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Und wir müssen diesen Menschen die Möglichkeit bieten, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Wir wurden von einer Flüchtlingswelle überrollt, die man so nicht erwartet hatte. Jetzt haben wir die historische Möglichkeit, den Wohlstand in unserem Land langfristig zu sichern, doch dazu muss jetzt dringend etwas unternommen werden. Welche Schritte dazu notwendig sind, beschreibe ich in meinem Buch Der fremde Erfolgsfaktor.

Deutschland als Schmelztiegel der Kulturen, in dem Einwanderer zuhauf Bilderbuchkarrieren vom Tellerwäscher zum Millionär hinlegen, für die die USA berühmt sind – so fühlt sich unser Land nicht an. Ist das auch hier möglich?

Jamal Qaiser: Doch, diese Karrieren gibt es auch in Deutschland, ich bin das beste Beispiel dafür und auch darüber schreibe ich in meinem Buch. Der Unterschied zu den USA besteht darin, dass die meisten Menschen, die in dieses Land immigrieren, die Sprache bereits sprechen. Wir müssen in Deutschland großflächig Deutschkurse für Immigranten anbieten, nur dann bekommen diese Menschen eine Chance, sich bei uns eine gesicherte Existenz aufzubauen.

Auch ist unser Steuersystem viel zu kompliziert. Das versteht niemand. Mit den Abgaben, die ein Unternehmer oder ein Angestellter leisten muss, kommt ein Deutscher schon nicht zurecht, geschweige denn ein Immigrant. Hier brauchen wir unbedingt eine Vereinfachung, sonst schrecken wir die Menschen weiterhin ab, sich selbstständig zu machen. Deutschland nimmt bereits jetzt schon weltweit einen der hintersten Plätze für Unternehmensgründungen ein. Wenn wir wollen, dass unsere Heimat auch noch 2050 ein reiches Land bleibt, müssen weit mehr Unternehmen gegründet – und damit auch Arbeitsplätze geschaffen – werden.

Die missglückten Greencard-Experimente der deutschen Einwanderungsbehörden legen nahe, dass Deutschland, anders als die USA, die „falschen“ Immigranten anzieht, nämlich primär die, denen – angefangen mit dem Respekt vor der Kultur der Gastgeber – fast alles beigebracht werden muss. Sind wir mit unserer Willkommenskultur in eine Falle getappt?

Jamal Qaiser: Nein, wir sind in keine Falle getappt, doch unsere Willkommenskultur ist tatsächlich anders gelagert, als es vergleichsweise in den USA der Fall ist.

In den USA würden mich niemand fragen, woher ich eigentlich komme. Wenn ich mich als geborener Pakistani dort aufhalte und die Sprache beherrsche – da ich viele Jahre in London lebte, spreche ich fließend Englisch – werde ich wahrscheinlich als Amerikaner betrachtet. In den USA wurde ich noch nie gefragt, woher ich eigentlich käme. Hier in Deutschland höre ich beinahe ständig, mindestens einmal täglich, woher ich ursprünglich stamme. Meistens antworte ich darauf: „Ich bin Deutscher“, zumal ich die deutsche Staatsbürgerschaft besitze.

„Ja, aber woher kommen Sie denn ursprünglich?“, kommt sofort als Gegenfrage.

Wollen wir eine Willkommenskultur etablieren, sollten wir damit aufhören, Menschen in zwei Klassen zu unterteilen: Nämlich in deutsche und nicht-deutsche Mitbürger. Kein Ausländer fühlt sich in einem Land wohl, in dem er ständig damit konfrontiert wird, nicht Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Ich habe die Erfahrung gemacht, die meisten Immigranten wollen sich integrieren, doch sie werden irgendwann frustriert und geben sich dann nur noch mit ihren Landsleuten ab. So entstehen Subkulturen, die eigentlich nicht nötig wären. Hier muss viel Aufklärungsarbeit erfolgen und diese kann nur durch den Staat selbst in Zusammenarbeit mit den Mediengesellschaften erfolgen. Wir Deutsche müssen auch umdenken, wollen wir eine funktionierende Integration vorantreiben. Die Menschen in den USA leben uns das bereits seit vielen Jahren vor.

Warum sollten wir überhaupt all die Geflüchteten auf Teufel komm raus integrieren – der Staat stellt ja nicht mal genügend Mittel bereit, unsere geburtenschwachen Jahrgänge deutscher Provenienz vernünftig zu schulen und auszubilden.

Jamal Qaiser: Genau darin liegt ja mein Ansatz, den ich in meinem Buch vertrete. Unser Schulsystem bedarf einer dringenden Reform. Ich habe es als Kind selbst erlebt, als ich aus Pakistan, über London, hierher kam. Abgesehen davon, dass wir vieles von dem, das wir in heimischen Schulen vermittelt bekommen, in unserem späteren Berufsleben nicht einmal ansatzweise brauchen, werden ausländische Kinder durch die Schulstufen normalerweise durchgeschleift. Es gibt keine vernünftigen flächendeckenden Deutschkurse für Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft, und wenn diese Kinder unsere Sprache nicht lernen, haben sie keine Möglichkeit, einen ordentlichen Schulabschluss hinzulegen, geschweige denn, den passenden Beruf zu lernen, der ihren Fähigkeiten auch tatsächlich entspricht.

Doch warum brauchen wir die Immigranten überhaupt?

Jamal Qaiser: Wir brauchen sie, da es Deutschland aus eigener Kraft nicht schaffen wird, die erforderlichen Kosten zu stemmen, die wir in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten zu leisten haben. Ich spreche da in erster Linie das Rentengeld sowie die Kosten der Krankenkassen an. Wir haben derzeit etwa 43 Millionen erwerbstätige Menschen in diesem Land, in 2050 werden es, ohne Zuwanderung, nur noch 31 Millionen sein. Dabei handelt es sich um einen Rückgang von 29 Prozent und das bei weitgehend gleichbleibenden Staatsausgaben! Um diesen Staat wirtschaftlich stabil zu halten, auf diesem hohen Niveau, auf dem wir uns aktuell befinden, benötigen wir langfristig 600.000 mehr Zu- als Abwanderer – und das jährlich!

Ihr Buch liest sich in seinen Überschriften so simpel wie ein Parteiprogramm. Ist es tatsächlich so einfach, unsere Normen durchzusetzen?

Jamal Qaiser: Das wäre schön, wenn es so simpel wäre, doch die meisten einfachen Systeme entpuppen ihre Komplexizität erst in der Umsetzung. Ich habe mit meinem Buch versucht, Lösungen anzubieten, die nicht nur für Politiker oder Ökonomen verständlich sind, sondern die jede Deutsche und jeder Deutscher nachvollziehen kann. Mir war es wichtig, teilweise komplexe Sachverhalte in möglichst einfachen Worten zu beschreiben, denn schließlich möchte das Buch Der fremde Erfolgsfaktor möglichst viele Menschen wachrütteln. Es soll ein Ruck durch unser Land gehen, eine Aufbruchsstimmung entstehen, damit wir eben diese Grundlage schaffen, die wichtig ist, damit wir auch in Zukunft ein wohlhabender und vor allem wettbewerbsfähiger Staat bleiben. Ohne Immigranten werden wir das wohl nicht schaffen.

Natürlich kosten meine Reformen den Staat viel Geld. Alleine die Reform des Schulsystems, die Schaffung von flächendeckenden Deutschkursen, die Vereinfachung der Akkreditierungen von Ausbildungsnachweisen kosten uns Milliarden an Steuergeldern. Das ist viel Geld, keine Frage, doch es ist nichts im Vergleich zu dem, was uns an Kosten auf uns zukommt, wenn wir diese Wege nicht gehen.

Kommen wir zu der Frage, um die kreative Politiker sich gern drücken: was ist der Preis, wie finanzieren wir ihn, und wer zahlt ihn wann zurück?

Jamal Qaiser: Ich habe mich um diesen Punkt nicht gedrückt, sondern diesem Thema ein ganzes Kapitel in meinem Buch gewidmet. Um diese enormen Kosten finanzieren zu können, müssen zuerst einmal Steuern gesenkt werden. Sie haben mich richtig verstanden: Wir müssen Steuern senken. Ich halte nämlich den vielfach populären Weg der Steuererhöhung für gänzlich falsch, denn er veranlasst die Steuerzahler dazu, sich stärker einzuschränken, Steuern zu sparen. Es kommt zwar mehr Geld in die Staatskassen, doch diese liegen bei weitem unter ihren Möglichkeiten. Deswegen wehre ich mich beispielsweise so gegen eine Anhebung der Mehrwertsteuer als zusätzliche Einnahmequelle. Dieser Schuss geht aus den bereits genannten Gründen völlig nach hinten los.

Wir sollten im ersten Schritt die Körperschaftssteuer abschaffen, dann die Gewerbesteuer auf ein deutschlandweit einheitliches System anpassen. Schließlich muss der Einkommensteuersatz auf maximal 25 Prozent gesenkt werden. Erst dann werden viele neue Unternehmen gegründet und es werden sich eine Menge internationaler Unternehmen in unserem Land ansiedeln. Wir schaffen dadurch neue Arbeitsplätze, den Unternehmern steht dadurch mehr Geld zu Verfügung, um in ihre Firmen investieren zu können.

Mit dieser Lösung bringen wir weit mehr Kapital in Umlauf, als wir mit jeder Steuererhöhung schaffen können. Aus meiner Sicht müssen wir also den Hebel bei den Unternehmern und den Konzernen ansetzen und zwar nicht, indem wir ihnen Geld wegnehmen, sondern indem wir ihnen mehr davon zur Verfügung stellen. Durch diese Sogwirkung wird Deutschland insgesamt, also die Unternehmer, die Angestellten, der Staat selbst, reicher werden und so können wir auch diese gewalten Kosten finanzieren, die durch die Integration entstehen.

Letztlich werden die Immigranten selbst zur Finanzierung beitragen, indem sie wiederum Steuern zahlen. Doch damit das klappt, müssen diese Menschen die Chance bekommen, erwerbstätig zu werden, und vor allem müssen die Kinder der heutigen Zuwandererfamilien eine ordentliche Ausbildung absolvieren, denn sie werden es sein, die jene Kosten zu einem großen Teil bezahlen, die anfielen, als ihre Eltern in unser Land kamen.

Natürlich gilt es hier einiges zu beachten, keine Frage. Ich hatte bereits in der Vergangenheit die deutsche Bundesregierung mehrfach in wirtschaftlichen Dingen beraten und würde es in dieser Angelegenheit auch gerne wieder machen. Ich fordere nicht nur, sondern ich stelle mich auch dazu bereit, an der Umsetzung mitzuwirken.

 Der fremde Erfolgsfaktor
Warum wir in Deutschland die Einwanderer dringend benötigen
Jamal Qaiser
Wiley-VCH, 2016

Dieses Interview erschien zuerst bei unserem Medienpartner pubiz – vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit! Mehr Informationen finden Sie hier.

 

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