„Man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht“

InterviewWithThomasMayer-Blog

Für Die neue Ordnung des Geldes gewann Thomas Mayer kürzlich den getAbstract International Book Award. Wir haben die Gelegenheit genutzt für ein kurzes Interview mit dem Autor und Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

getAbstract: Hat Sie der Erfolg Ihres Buches überrascht?

Thomas Mayer: Und wie. Ich hätte nicht gedacht, dass ein solches Buch, das doch einige Ansprüche an die Geduld des Lesers stellt, so viele Fans finden würde.

getAbstract: Sie behaupten, der Weg zu einer neuen Geldordnung müsse über eine breite Diskussion führen. Glauben Sie, dass die Zeit für eine solche Diskussion gekommen ist?

Thomas Mayer: Sie könnte nicht besser sein. Die Zentralbanken, als Wächter über die bestehende Geldordnung, konnten zwar die letzte Finanzkrise mildern, aber es ist ihnen nicht gelungen, die vorherige Normalität wiederherzustellen. Gehen wir von hier aus in die nächste Rezession, wird die bestehende Geldordnung vermutlich vollends zusammenbrechen. Wir sollten uns jetzt intellektuell dafür rüsten.

getAbstract: Eine anderes Szenario, das zur Umsetzung einer solchen Geldreform führen könnte, wäre eine große Finanzkrise. Sehnen Sie womöglich insgeheim eine solche Krise herbei?

Thomas Mayer: Man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht. Deshalb sehne ich die nächste Krise bestimmt nicht herbei. Ich will aber dafür gewappnet sein, wenn sie kommt.

getAbstract: Ist die Einführung einer neuen Geldordnung in den westlichen Demokratien überhaupt denkbar – oder bedarf es dafür größerer staatlicher Durchsetzungskraft, wie sie in autokratischen Staaten wie Russland oder China gegeben ist?

Thomas Mayer: Ich denke mal, sie kommt Schritt für Schritt auf leisen Sohlen. Wir haben die bestehende Geldordnung schon extrem weit gedehnt. Was kommt als nächstes? Ich vermute mal, „Helikoptergeld“ von den Zentralbanken. Von da ist es nicht weit zur Abschaffung der Kreditgeldemission durch die privaten Banken und zur alleinigen Emission durch die Zentralbank. Wenn dann noch private Emittenten der staatlichen Zentralbank Konkurrenz machen – denken Sie zum Beispiel an Bitcoin – ist der Systemwechsel da.

getAbstract: Gibt es seit dem Erscheinen Ihres Buches Entwicklungen in Deutschland und Europa, die Ihre Thesen bestätigen oder auch widerlegen? Wohin zeigt der Kompass für Deutschland und Europa zurzeit?

Thomas Mayer: Seit ich das Buch geschrieben habe, hat sich das Plot verdichtet. Die Zentralbanken sehen zunehmend ratlos aus und die Diskussion um eine Geldreform gewinnt an Fahrt. Vielleicht wird das Schweizer Volk nächstes Jahr sogar darüber abstimmen. Die Probleme der Europäischen Währungsunion werden nun um die Probleme mit der Reisefreiheit nach dem Schengener Abkommens erweitert. Die Europäische Union läuft Gefahr, an der EWU und an Schengen zu zerbrechen.

getAbstract: Beruhigt es Sie, dass wir in den letzten Jahren von größeren Krisen verschont geblieben  sind?

Thomas Mayer: Auf keinen Fall. Die Politik tritt geschickt jede aufflammende Krise schnell aus. Dabei staut sie die Probleme aber nur auf und riskiert letzten Endes eine große Explosion.

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